"Wir geben Ingenieuren 200 Millionen Euro" – das war ein verlockendes Angebot, welches die Boston Consulting Group Studenten meiner Fachrichtung machte. Dahinter steckte die Einladung zu einem der zahlreichen Workshops, die BCG jedes Jahr in den verschiedenen deutschen Büros veranstaltet. Das Angebot kam für mich zur rechten Zeit, da ich schon seit einer Weile mit dem Gedanken gespielt hatte, nach dreieinhalb Jahren zwischen Differenzialgleichungen, Matlab-Programmcode und digitalen Signalprozessoren mehr an betriebswirtschaftlicher Erfahrung zu sammeln – aus persönlichem Interesse ebenso wie im Hinblick auf die spätere Berufswahl. Ich wurde zum Workshop eingeladen und beschäftigte mich zwei Tage lang engagiert damit, wie 200 Millionen Euro optimal in den Bau eines neuen Kraftwerks investiert werden könnten. BCG hinterließ auf mich bei diesem Workshop einen so positiven Eindruck, dass ich das Angebot zu Gesprächen für ein Praktikum oder – wie es bei BCG heißt – Visiting-Associate-Ship gern annahm. Es stellte sich nur die Frage, wie ich zwischen zwei Auslandsaufenthalten und einem Pflichtpraktikum mein "VA-Ship" noch unterbringen kann.
Glücklicherweise bietet BCG Praktika ab einem Zeitraum von zwei Monaten an, sodass ich schließlich ein Zeitfenster gefunden habe, um meinem Wunsch, die Strategieberatung von innen und aktiv kennenzulernen, ein Stück näher zu kommen. Jetzt musste ich "nur" noch meine Bewerbungsgespräche hinter mich bringen. Diese fanden im Düsseldorfer Büro in entspannter und freundlicher Atmosphäre statt. Ziel war nicht, mich als Bewerber unter Druck zu setzen, sondern Person und Fähigkeiten kennenzulernen. Schon am Abend der Interviews erhielt ich dann die Zusage.
In der Frage nach "meinem" Projekt musste ich mich dann in Geduld üben. Das Staffing – die Besetzung der Projekte mit den Teams – verläuft meist sehr kurzfristig. Zwei Wochen vor Praktikumsbeginn fuhr ich erst mal zum "Berater-Crashkurs" für VAs ins Münchner Büro. Dort traf ich auf zahlreiche Kollegen, denn Sommer ist Praktikumszeit, insbesondere für BWL-Studenten. Die Zusammensetzung des Trainings erschwerte mir daher zunächst auch den Glauben an den Anteil von 50 Prozent Nicht-Kaufleuten bei BCG. Der Crashkurs machte seinem Namen alle Ehre, wurden doch innerhalb weniger Stunden alle Basics vermittelt – von A wie "Action Title" über E wie "Excel" und K wie "Knowledge Group" bis Z wie "Zugreisen". Bei einigen Dingen mussten noch mehrere Wochen ins Land gehen, bis mir wirklich klar wurde, was sich dahinter verbarg.
Eine halbe Woche vor dem ersten Projekttag war dann doch klar, wohin die Reise geht: IT-Projekt, Dax-Unternehmen, Projektsprache Englisch. Home-Office München, drei Kollegen vom Geschäftsführer bis zum Consultant mit unterschiedlichsten akademischen Backgrounds – also doch kein BWL-Überhang. Noch ein paar Tage Luft holen vor dem Sprung ins kalte Wasser, dann Laptop, Handy und Schlüssel für das Büro abholen und den Zug zum Kunden nehmen.
Nach einer ersten Überraschung – kein Anzug auf dem Projekt – verliefen die Anfangstage repräsentativ für die weitere Praktikumszeit: sich schnell in das Unternehmen und seine Strukturen hineindenken, zahlreiche Studien zum Thema und zur Branche lesen, dabei innerhalb kurzer Zeit viel neues Wissen und Vokabular aufnehmen. Marktstudien erstellen und strategische Konsequenzen ziehen, gemeinsam mit dem Team Interviews mit BCG-Kollegen rund um den Globus führen und – für mich am schwierigsten – die gewonnenen Erkenntnisse präzise, prägnant, jedoch nie oberflächlich auf "Slides" formulieren und modellieren. Und dabei immer MECE argumentieren – Mutually Exclusive and Collectively Exhaustive, zu Deutsch: erschöpfend und überschneidungsfrei.
Ich war erstaunt, wie sehr ich von meinem stark mathematisch geprägten akademischen Hintergrund profitieren konnte. Insbesondere Überschlagsrechnungen und die Fähigkeit, komplexe Datenmengen schnell zu analysieren, waren gefragt. Umgekehrt merke ich – gerade jetzt während meiner Diplomarbeit –, wie sehr mir das extrem zielorientierte Arbeiten hilft, das ich bei BCG gelernt habe. Gerade als Ingenieur tendiert man dazu, sich im Kleinen zu verlieren – man muss sich immer wieder zwingen, seine Arbeit auf die Zielvorgabe hin zu hinterfragen.
Mein Praktikum bei BCG war für mich ein Erfolg – fachlich wie persönlich. Die Integration in das Team, die Atmosphäre und die steile Lernkurve sind in dieser Form wohl schwer in anderen Praktika zu finden. Ich kann daher Studenten jeder Couleur nur empfehlen, diese Chance zu nutzen.